Die Kuh

Für das Aufstellungsseminar war der Saal einfach zu groß. Eigentlich war es eine Turnhalle, die offensichtlich auch als Raum für die Bälle der örtlichen Feuerwehr diente. Es war dunkel, und an den Wänden hingen in Fetzen die Reste einer Festdekoration. Es stank nach Mäusekot und Kotze. Wir waren bei Klatovy, auf Deutsch Klattau in Südböhmen. Ich nahm meine Trommel und begann mit dem Gebet – noch bevor jemand erschien. Mir war zum Wegrennen zumute.

Der Saal wurde von meiner Organisatorin Alena angemietet, über das Internet. So etwas passiert eben. Familienaufstellung in einem nicht ganz familiären Raum, mit einem Genius Loci, der in der dunkelsten Ecke stand und mir beim Trommeln düstere Blicke zuwarf. Was will ich hier? Wo komme ich überhaupt her? Will ich etwa in der Vergangenheit herumstochern? Die Toten wecken? Doch dann erschienen nach und nach die zwei Dutzend Teilnehmer und es ging los. Und ich begriff, dass wir hier richtig sind. Im Grenzgebiet, zwischen der nicht verdauten Vergangenheit und dem Hier und Jetzt, eingeklemmt zwischen der Tschechei und Deutschland, wo die Grenze zwischen Schuld und Unschuld fließend verläuft, falls sie überhaupt definierbar ist. Aus Opfern wurden Täter und danach wieder umgekehrt und wieder andersrum…

Der Großvater des Klienten war nach dem zweiten Weltkrieg in die Grenzregion gezogen, teils auf Befehl der Kommunisten, teils in der Hoffnung auf Grund, Hof, Wohlstand. Er übernahm einen leeren Hof, auf dem früher „die Deutschen“ gewohnt hatten. „Die Deutschen“ waren eine kleine Familie: Vater, Mutter und Tochter. Keine Nazis. Oder vielleicht doch? Sympathisanten? Wer weiß. Sie mussten gehen, nach Mai 45. Und für den Großvater des Klienten begann der Kampf mit dem kargen Boden, mit der Leere, dem alltäglichen Ringen ums Überleben. Er heiratete, seine Frau wurde schwanger, eine Tochter kam zur Welt. Das Leben in den frühen Fünfzigern war in der Šumava (Böhmerwald) nicht einfach. Man erzählte von einigen SS-Leuten, die in den Wäldern immer noch die Stellungen hielten, und vom versunkenen Schatz in den Wald-Seen. Und man fürchtete, die Deutschen könnten zurückkommen, um sich zu rächen.

Die Großeltern überlebten, der Hof auch, wenngleich es die Familie nie zu Wohlstand brachte. Und so haben wir die Aufstellung angefangen. Mit der deutschen Familie – den ursprünglichen Besitzern – und den Tschechen, den Nachfolgern. Und natürlich auch mit dem Klienten, der wissen wollte, was er tun könne, „damit es endlich aufhört, knapp zu sein“. Und dann … kamen die Tränen. Bei allen. Darf auch der Aufsteller weinen? Denn der letzte, darf ich sagen „rechtmäßige“? Besitzer des Hofes hatte eine Kuh. Ob es stimmt, wissen wir „rational“ nicht. Es gibt außer einem vergilbten Bild, das die kleine Familie vor ihrem Haus zeigt, und das der Klient mitbrachte, keinerlei Aufzeichnungen. Doch der Stellvertreter des Mannes, ein „Unbeteiligter“ aus dem Kreis der Teilnehmer, formulierte es so, dass in dem Feuerwehr-Saal eine minutenlange Betroffenheit ausbrach, die ich nie vergessen werde.
Er bat den Großvater: „Bitte, seien Sie so nett und kümmern Sie sich um meine Kuh. Damit es ihr gut geht. Bitte.“
\ Und der Stellvertreter des Großvaters erwiderte, in Tränen: „Ja, das verspreche ich Ihnen.“

Viele Jahre nach dieser Aufstellung wanderte ich durch die Wälder der Šumava. Wir kamen in ein Dörfchen - ein paar Häuser, eine Kneipe, die ein bisschen auf Kaffeestube getrimmt wurde. Ziemlich vergeblich. Drinnen an den Holztischen saßen drei Männer, die uns mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen ansahen. Ich bestellte ein Bier, meine Freundin Kräutertee und eine erstaunlich gute Torte. Ich lenkte das Gespräch mit dem Wirt vorsichtig auf „die Deutschen“, doch das war ein Nicht-Thema. Wie die Schnecken zogen sich alle, nicht nur der Wirt, zurück. Wir tranken aus, bezahlten und gingen. Draußen weideten Kühe. Sie zumindest sahen glücklich aus. Es ist noch viel zu tun, dachte ich mir.

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