Aufstellung von Märchen und Mythen

Die mythologische Wahrnehmung

Bereits seit zehn Jahren und immer kurz vor Weihnachten leite ich in Prag ein Seminar, auf das ich mich das ganze Jahr freue. Dabei stellen wir weder Familien noch verwickelte Beziehungen auf, wir behandeln keine Firmen- oder Arbeitsprobleme, sondern geben uns ganz und gar Märchen und Mythen hin – also dem Stoff unserer Kindheit, den wir als Erwachsene häufig, doch irrtümlich als „nicht so wichtig“ erachten.

Abgesehen von einigen Neulingen, die das Seminar in der Hoffnung buchen, bei einer Märchenaufstellung nicht allzu viel von ihrem Inneren preisgeben zu müssen, geben sich hier erfahrene Teilnehmer ein Stelldichein; Freunde, die bereits viele der Märchen-Aufstellungen hinter sich haben. Diese sind gegenüber den Anfängern im Vorteil – vor allem, da sie die sonderbare Sprache beherrschen, die alle Aufstellungen auszeichnet. Was sich aber bei Märchen noch deutlicher als bei sonstigen Aufstellungen zeigt, nenne ich die mythologische Wahrnehmung.

Es ist die Wahrnehmung all dessen, was sich der alltäglichen Logik entzieht, was über oder neben der strikten, nüchternen Rationalität existiert. Es ist eine Wahrnehmung, die verbunden ist mit Intuition, mit dem Empfinden des Herzens. Etwas, das uns beim Erzählen die Tränen in die Augen treibt oder bei dem sich uns die Haare sträuben. Wir haben diese Art, die Welt zu sehen, beinahe vollständig vergessen. Doch zum Glück können wir die Fähigkeit, wieder so zu empfinden, üben – zum Beispiel in den Aufstellungen.

(Illustration John Bauer, Quelle: Wikipedia)

Wenn wir nun nach all den „erwachsenen“ Jahren wieder Sagen, Mythen und Mären hautnah erleben, begegnen wir der abgewandten, ungewohnten Seite unseres Selbst. Wir begeben uns wieder in eine Welt, die uns als Kind noch vertraut war, von der uns in Gutenacht-Geschichten erzählt wurde oder in die wir unter der Decke im Licht der Taschenlampe lesend eintauchten. Eine Welt, die wir in der Hektik des Alltags für unwichtig halten. Denn wir sind überzeugt, die Baba Jaga sei ebenso wenig imstande, unseren Geldmangel aufzulösen, wie der Kuss, der Schneewittchen erweckte, unser krankes Kind heilen könne. Und genau das ist unser Irrtum. Denn Wunder geschehen nur dann, wenn wir ihnen den Raum dafür geben.

Die Bedeutung der mythologischen Wahrnehmung geht jedoch noch tiefer. Sie zielt auf die immer bedeutendere Frage ab, die sich allen Menschen nach Erreichen eines gewissen Bewusstseinszustandes stellt – nämlich: „Wie geht es weiter?“
Gemeinsamer Nenner aller gegenwärtigen Krisen ist unser Glaube an eine funktionierende Kontrolle der Welt – und zugleich das Scheitern dieser Kontrolle. Unsere hochkomplizierten Technologien beginnen zu versagen, ganze Staaten oder Gesellschaften werden in ihren Fundamenten erschüttert. Es zeigt sich, dass Logik und Rationalität allein nicht länger ausreichen, um solche komplexen Systeme zu steuern. Doch die Intuition haben wir vergessen. Und die Zuversicht, es werde doch gut gehen, wenn wir – in der Star Wars Terminologie gesprochen – wieder der Kraft vertrauen, erleben wir allenfalls für zwei Stunden im Kino – dem letzten Ort, an dem wir noch offen sind für Märchen. Hollywood hat unseren Hunger nach Wundern gut begriffen.

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Aschenputtel

Die nachfolgende Zusammenfassung stammt aus einer Märchenaufstellung, die vor einigen Jahren stattfand. Sie handelt von Aschenputtel, einem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm, und wirft viele Fragen auf – doch wie so oft in Aufstellungen geht das, was sich zeigt, weit über den eigentlichen Text hinaus.

In den Aufstellungen lasse ich zuerst die Klienten das erzählen, was ihnen an „ihrem“ Mythos oder „ihrer“ Mär am wichtigsten erscheint. Danach werden die Protagonisten aus den übrigen Teilnehmern ausgewählt und wie in einer normalen Aufstellung so platziert, wie es dem inneren Bild des Aufstellenden entspricht.

Vlasta: „Mein Märchen ist das von Aschenputtel. Schon als Kind war ich fasziniert von ihrer Aktivität und von dem Mut, mit dem sie für ihr Glück einsteht. Sie entscheidet sich für den Prinzen – sie will ihn einfach, und ihm bleibt daher nichts anderes übrig, als sie zu heiraten. Und ihr Vater steht hinter ihr. Und außerdem hat sie diese luftigen Helfer...“
Jan: „Na, wir werden sehen. Wähle jemanden für Aschenputtel, den Vater, den Prinzen und für die luftigen Helfer, und stelle sie auf.“
Das macht Vlasta, und nach einer Weile stellen wir noch Aschenputtels Mutter dazu, die freilich im Märchen bereits tot ist. Die Aufstellung beginnt mit der auf dem ersten Bild dargestellten Situation.

Indem die Aufstellende den gewählten Stellvertretern ihren speziellen Platz gibt, erzeugt sie damit eine Verbindung zwischen dem archetypischen Level des Märchens und ihrer individuellen Geschichte. Gerade diese personifizierte Version des Märchens vermag uns zu den verborgenen, bisweilen auch phantasievoll oder unwahrscheinlich anmutenden Aspekten der Geschichte zu führen. Daher korrigiere ich auch nie die „Story“, die ein Klient persönlich mit dem ursprünglichen Märchen verbindet – genauso wenig, wie wir auch ansonsten die Familiengeschichte eines Klienten „verbessern“ wollen: wir nehmen stets das, was er oder sie erzählt, als eine mögliche Sicht des Ganzen.
Doch wenden wir uns erst einmal dem zu, was die einzelnen Stellvertreter zu Beginn der Aschenputtel-Aufstellung über ihre Gefühle berichten:

Aschenputtel: „Mir geht es gut. Aber ich habe zu niemandem hier eine besondere Verbindung.“
Die luftigen Helfer (in der Rolle steht eine Frau): „Ich habe die meiste Verbindung zur Mutter, doch der Draht zu ihr geht durch Aschenputtel hindurch.“ Vater: „Bis meine Frau dazu kam, ging‘s mir gut. Nun fühle ich mich seltsam.“
Prinz (händereibend): „Auf mich wartet etwas Schönes. Vielleicht Aschenputtel?“ (Gelächter im Saal.)
Mutter: „Mir geht es schrecklich. Ich habe Krämpfe im Bauch und es zieht mich nach unten, zum Boden. Auf den Vater bin ich wütend, aber ich habe auch Angst vor ihm. Und wenn ich ihn ansehe, so werden die Magenkrämpfe stärker, und ich will mich übergeben. Aber ich kann es nicht so lassen, ich muss noch etwas machen.“
Nach einer Weile sinkt sie tatsächlich zu Boden, schaut sich verzweifelt um und ruft: „Kann mir denn niemand helfen?“

Derweil versteckt sich der Vater hinter dem Prinzen, den er als eine Art Schild zum Schutz vor der Gruppe benutzt.
Aschenputtel stellt sich vor die zusammengebrochene Mutter und ruft: „Ich, Mama – ich helfe dir!“
(Diese Phase der Aufstellung sehen wir auf dem zweiten Bild.)


Jan: „Jedes Kind will den Eltern helfen. Aber das schaffst du nicht. Nur, falls du zum ewigen Denkmal der Mutter werden willst und dein ganzes Leben lang zeigen möchtest, wie ungerecht das Leben ist.“
Aschenputtel (mit plötzlichem Eifer in der Stimme): „Ja, das ist genau das, was ich will!“
Nun herrscht im Raum Stille.

Und ich sage: „Schade...“

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Das Opfer

In nahezu zwanzig Jahren, in denen ich auch Märchen aufstelle, habe ich bereits ein halbes Dutzend Aschenputtel gesehen. Meist zeigt sich hierbei eine seltsame Dynamik, die die Originalversion des Märchens zu verschweigen scheint. Denn obwohl Aschenputtels Vater als gütiger, braver Mann beschrieben wird, der seine Tochter liebt und ihr durch sein kleines Geschenk (drei Nüsse) den Weg zum Prinzen ermöglicht, weisen viele der Aufstellungen darauf hin, dass er am Tod der Mutter seinen Anteil trägt. In einer anderen Aschenputtel-Aufstellung bezichtigte die Stellvertreterin der Mutter den Vater dramatischerweise gar des Mordes: „Er hat mich vergiftet!“

Wie wir es aus vielen Familienaufstellungen kennen, bricht das, was man nicht wissen darf, doch unweigerlich nach außen – wenngleich auch oft in kleinen, deformierten Stückchen, die das gesamte System devastieren. Falls in einer Familie etwas Schreckliches passierte, ist das Opfer (in unserem Fall die Mutter) mit geradezu eiserner Regelmäßigkeit mit einem anderen Familienmitglied verbunden, das sein Leiden übernimmt, um das Verdrängte sichtbar zu machen. Interessanterweise kommt dem Wort „Opfer“ gleich eine dreifache sprachliche Bedeutung zu: Zuerst bezeichnet es einen Menschen, dem Unrecht oder Gewalt widerfahren ist. Des Weiteren steht es für eine „religiöse Handlung, durch welche numinose (also den Menschen übersteigende) Mächte mittels einer rituellen Darbringung einer Gabe oder einer Leistung positiv beeinflusst werden sollen“ [Definition Wikipedia]. Und die dritte Bedeutung ist eine ethisch-moralische, bei welcher es um einen persönlichen Verzicht zugunsten eines Anderen geht.

Ähnlich dem Christus, der durch seine Selbst-Opferung die sündhafte Menschheit erlöste*, versuchen auch wir, andere Mitglieder unseres (Familien)Systems zu erlösen, indem wir uns für sie opfern. Meistens tun wir es für unsere direkten Vorfahren – für Eltern oder Großeltern. Wie Bert Hellinger vor Jahren formulierte, handeln wir dabei im Einklang mit unserem Systemgewissen – also der Kraft, die die Familie zusammenhält. So muss alles, was im System passiert, durch die am System Teilhabenden anerkannt werden. Geschieht das nicht, also nehmen zum Beispiel die Täter ihre Schuld nicht auf sich, so tun es stattdessen die Kinder, indem sie einen Teil der Last, die ihnen freilich nicht gehört, mit sich herumschleppen. Leider führt dies in den wenigsten Fällen zu dauerhaftem Frieden; meist schaffen sie dadurch lediglich einen vorübergehenden und instabilen Ausgleich.

Das Opfer galt seit jeher als elementarer Teil jeder Religion, denn es dient dem Ausgleich im Geben und Nehmen zwischen – in der Sprache der Aufstellungen – dem Kleineren und dem Größeren. Also zwischen Gott und Menschen, aber auch zwischen Eltern und Kindern. Dies zu erkennen, ermöglicht uns das Verstehen vieler Probleme innerhalb einer Familie, in Firmen oder auch beispielsweise zwischen einzelnen Nationen.

Hellinger betonte, dass uns für die Kommunikation mit dem Größeren lediglich drei Worte zur Verfügung stehen: „bitte“, „danke“ und „ja“. Sofern unser Dialogpartner – im metaphysischen Sinne – wirklich größer ist, können wir nur um etwas bitten, für unsere Existenz danken und das, was ist, bejahen. Keine andere Unterhaltung macht hier Sinn. Indem wir uns beschweren, etwas kritisieren, uns mit etwas unzufrieden zeigen oder uns gegen etwas auflehnen, würden wir das Größere zu uns herunter ziehen. Damit verlöre das Große – zumindest für uns – seine Kraft und zugleich damit auch die Fähigkeit, uns eine Stütze zu sein.

Das Opfer hingegen verleiht den drei zitierten Worten (bitte – danke – ja) Gewicht. Wenn ich das, was größer ist, um etwas bitte, kann ich keine logischen Gründe dafür anführen, weshalb ich das Erbetene bekommen sollte. Es ist, falls mir die Bitte gewährt wird, eine Gnade. Damit der Nehmen-Geben-Ausgleich erhalten bleibt, biete ich nun ein Opfer dar – allerdings ohne Anspruch auf eine Gegenleistung. Mit Gott (und ebenso mit unseren Eltern ) lässt sich auf dieser Ebene nicht verhandeln. Das Opfer ist demnach weder logisch noch rational; es ist vielmehr unser Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem Größeren – und gerade dadurch ist es heute so unbeliebt und missverstanden.

In Familien finden wir die Opferung, meist versteckt, sehr häufig. Denn hier handelt es sich praktisch immer um Beziehungen zwischen Ungleichen, zum Beispiel im Verhältnis zwischen Eltern und Kind. „Liebe Mama, lieber sterbe ich als du“, „Ich trage es für dich, Großmutter“ oder „Ich helfe dir mit deinem schweren Schicksal, Papa“ sind Sätze, in denen sich ausdrückt, wie sich die Kleinen für die Großen opfern. Wenngleich diese Haltung das System stabilisiert, genügt es nicht, den Frieden zu erlangen oder die Opfer-Rolle aufzulösen. Denn die Kleinen, die auf diese Weise in das System verflochten sind, nehmen etwas auf sich, was sie nicht (er)tragen können – da es ihnen nicht gehört.

In einer anderen Aschenputtel-Aufstellung, vor vielen Jahren, umarmte der Geist der toten Mutter (dieser wurde in der vorliegend beschriebenen Aufstellung durch die „luftigen Helfer“ repräsentiert) am Ende die Tochter. Anschließend knieten sich der Vater und seine neue Frau, die Stiefmutter, vor dem Grab der Verstorbenen nieder. Damit wurde Aschenputtel von ihrem Schicksal erlöst, den Lebenden das Andenken der „armen Mama“ vor Augen führen zu müssen. Die „Täter“, nämlich der Vater und die Stiefmutter, erkannten ihren Anteil am Geschehen an, so dass das System größere Stabilität und Harmonie erlangte. Dieses kleine Ritual entband Aschenputtel von der Notwendigkeit, das ganze Leben hindurch zu knien – sei es beim Bodenschrubben oder am Grab der Mutter. Sie zog das seidene Hochzeitkleid an und durfte vielleicht zum ersten Mal im Leben glücklich sein.

Doch in unserer Aufstellung passierte keine solche Entlastung. Wir haben sie noch einige Minuten weiter laufen lassen. Aschenputtel kam zum Prinzen, und er umarmte sie sorgenreich. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob er sie heiraten würde. Doch nach einer Weile sagte er unvermittelt: „Weißt du, mir scheint, dass dir der Schmutz unter den Fingernägeln stecken geblieben ist. Ich glaube, ich brauche eine wirkliche Prinzessin.“

Es folgte eine lange Stille. Und wir alle begriffen, dass auch eine Hochzeit mit dem Prinzen ihr kein großes Glück bringen würde. Sie wollte ein Opfer sein. Und so wird sie dem Weg des Opfers konsequent folgen und dem sie verlassenden Prinzen die Täter-Rolle aufzwingen. Schade.

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* Die Erlösung durch das Opfer von Jesus ist freilich an eine Anerkennung der Zugehörigkeit zu seiner Kirche gebunden, also an die Mitgliedschaft in seinem „System“. Ähnlich, wie die kleinen Kinder die Schuld der Vorfahren auf sich nehmen und dadurch ihre Zugehörigkeit zur Familie demonstrieren, so- nur zeitlich umgekehrt - zwingt die Kirche ihre „Schäfchen“ zuerst zur Zugehörigkeit und verspricht ihnen danach das Benefizium des Entschuldens, also eine Teilhabe an einer Erlösung durch Christus.

(Illustration John Bauer, Quelle: Wikipedia)

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