Virtueller Raum und Depression

Vor kurzem besuchte ich meinen Patensohn und seine Frau. Beide sind um die Dreißig, sympathisch und erfolgreich, technologisch up-to-date. Ich, Jahrgang 1954, lerne also jedes Mal etwas dazu. Doch diesmal hat mich die neueste Erfindung ziemlich geschockt. An der Wand im Wohnzimmer war ein kleines, mit dem Internet verbundenes Kästchen angebracht, das bei dem entsprechenden „Keyword“ auflebte:
„Computer“ (das Kästchen beginnt zu leuchten), „schalte das Fernsehen ein, Zet De Ef.“
Und schon erhellt sich die Röhre und wir bekommen die aktuelle Ladung Katastrophen geliefert.
„Computer“, probiere ich es, „ich bin traurig.“
„Das tut mir leid. Darf ich dir einen Witz erzählen?“ tönt eine sympathische Frauenstimme.
„Computer, lieber nicht. Aber komm doch zu mir.“
„Das kann ich leider nicht.“
„Computer, suche mir die nächste Straßenbahnverbindung zum Bahnhof heraus“.
„Die nächste Straßenbahn ist die Linie Neun, sie fährt um 17:35 Uhr ab. In genau sechs Minuten.“

Falls Sie ähnliche Kästchen bereits besitzen, werden Sie mein Unbehagen vermutlich nicht nachvollziehen können. Doch mit diesem neuen „Ding“ erreicht unsere Anbindung an die virtuelle Welt für mich einen vorläufigen Höhepunkt. Und da ich keine Ahnung habe, mit wem ich da eigentlich kommuniziere*, kam mir das Wort „Gott“ in den Sinn. Und eine Kaskade von Gedanken und Gefühlen gleich dazu. Einige meiner Überlegungen möchte ich mit euch teilen.


Jeremy Naydler beschreibt in seinem Buch „The Future of the Ancient World“ die unterschiedliche Realitäts-Wahrnehmung im alten Ägypten und in unserer modernen Welt. Während für uns das Sicht- und Messbare als real gilt und das „Unsichtbar-Ätherische“ als irreal angesehen wird, war es für die Ägypter gerade umgekehrt. Die primordinäre Welt (die die Ägypter „Dwat“ nannten), war die unsichtbare – die Welt der Götter, der Toten, der Zeit- und Raumlosigkeit. Hier war die Quelle unserer materiellen Welt, die als sekundäre angesehen wurde. Da jedoch die Götter die Pforten zur primären Welt darstellten, war die Fähigkeit, mit ihnen zu kommunizieren, von zentraler Bedeutung. Und mehr noch – da die Dwat-Welt für jeden ziemlich familiär war, und weil diese die „unsere“, die materielle Welt auf allen Ebenen durchdrang, war die ganze Gesellschaft auf diese spirituelle Weise verbunden.

Im Gegensatz zu dem von uns nur individuell und subjektiv erlebbaren nicht-örtlichen Raum war Dwat für die alten Ägypter ein gemeinsamer Ort. Stellen Sie sich vor: Sie versinken in tiefe Kontemplation oder Sie gehen schlafen und beginnen zu träumen, und Sie treffen dabei nicht nur die Götter, sondern auch Ihre Nachbarn. Und – Sie wissen von der Begegnung. Kein Wunder, dass die Vorbereitung auf den Tod, nämlich auf die Rückkehr in diese ursprüngliche Welt, so wichtig war. Und auch kein Wunder, dass die alten Ägypter, so scheint es, unter keinen Depressionen litten.


Depression ist nämlich eine Krankheit, die uns dann befällt, wenn wir die Anbindung an das Größere verlieren. Depression und Krebs hängen zusammen – der Krebs bringt die Wucherung, den ungebremsten Wachstum unserer Zivilisation zum (körperlichen) Ausdruck, und die Depression den Verlust der Götter, also dessen, was unserem Leben die „größere Dimension“ gibt. Aus dem Familienstellen wissen wir, wie überlebenswichtig es ist, etwas zu haben, das „größer“ ist als wir. Das können Mutter und Vater sein, allerdings nur für das Kind. Für den Unternehmer (der keinen Vorgesetzten über sich hat) ist es die unternehmerische Vision. Für den Untertanen war es die Obrigkeit oder der Fürst bzw. der König (dies funktioniert heutzutage leider nicht mehr). Und für viele ist es Gott.

Nun hat unser „lieber Gott“ einen entscheidenden Nachteil: vielen Menschen scheint er zu abstrakt, zu entfernt. Wir glauben zwar noch an ihn (die jüngere Generation allerdings immer weniger), fühlen ihn jedoch nicht mehr. Deshalb suchen wir ihn in Asien, bei diversen Gurus, in nordischen Sagen oder auch in Drogen. Doch selbst wenn wir ab und zu fündig werden, wenn wir einen wunderbaren Augenblick erleben, in dem Gott greifbar nah erscheint – es fehlt das Gefühl des Gemeinsamen, des Teilens mit den anderen. Das Göttliche bleibt individuell-psychologisch und daher nur schwer jemand anderem vermittelbar.

Seit einigen Jahrzehnten haben wir einen anderen virtuellen (d.h. nicht-örtlichen) Raum entdeckt, den wir teilen: Das Internet. Und es funktioniert, es zieht uns mächtig an – man schaue sich nur unsere Mitmenschen an, wie sie mit ihren schlauen Mobiltelefonen, Tablets oder bald vermutlich Google-Brillen durch die materielle Welt schweben. Neulich hätte ich hier in Prag beinahe eine Gruppe japanischer Touristen überfahren, die – völlig versunken in ihre Smartphones – unvermittelt auf die (reale) Straße trat. Sind wir, wenn wir online sind, noch hier? Oder befinden wir uns in einem neuzeitlichen Dwat?

Mir scheint, als hätten wir die „alte“, die göttliche nicht-lokale Welt gegen eine neue, ebenfalls wenig materielle Welt eingetauscht – und dabei übersehen, dass diese neue Gottheit einige unserer Grundbedürfnisse nicht befriedigt, und auch nicht befriedigen kann. Denn sie wurde von uns erschaffen, ist damit „kleiner“ als wir – sollte sie sich irgendwann verselbständigen (und das kleine Kästchen scheint mir dem schon recht nahe zu kommen), werden wir uns nie an sie anlehnen können, wie wir es Jahrtausende lang bei den Göttern getan haben. Sie kann uns keinen Trost spenden, auch wenn sie uns, wenn wir traurig werden, einen Witz erzählt.

Des Weiteren nimmt uns diese neue Virtualität auch nicht unsere tiefe Angst vor dem Tod. In die Welt von Facebook, Twitter und YouTube kann ich nach meinem Ableben nicht eingehen, da ich nicht aus ihr hervorkomme. Ich kann dort höchstens eine Weile als „Avatar“ überdauern. Und zum Dritten – und das scheint mir das Wichtigste – füttern wir die elektronische Welt mit Energie (in diesem Fall meine ich eher die psychische als die elektrische), und nicht umgekehrt. Das hat jeder von uns nach acht Stunden am Computer am eigenen Leib erfahren. Den alten Ägyptern aber gab die Dwat-Welt eine solche Kraft, dass dadurch das Reich fast drei Jahrtausende zusammenhielt, vom Bau der Pyramiden und anderer kolossaler Wundern ganz abgesehen.

Und noch eine kleine Überlegung am Ende. Auf der Rückfahrt nach Prag tauchte vor meinem (virtuell-geistigen) Auge zunächst folgendes Bild auf:


Blau ist die virtuelle Realität, gelb die „reale“ Realität. Daraus ist leicht zu erkennen, was größer und was kleiner ist. Doch nach einigen Tagen wandelte es sich in ein anderes Bild:


Nachdem ich oft von der zyklischen Zeit spreche, halte ich es für möglich, dass „unsere“ Virtualität mehr mit der alten Welt der Götter zu tun hat, als wir denken. Und dass wir lediglich eine Brücke zwischen der neuen und der alten „nicht-Örtlichkeit“ bauen müssten, einen „missing link“ finden, um die beiden Welten miteinander zu verbinden. Wie, das weiß vermutlich noch keiner. Doch je mehr ich (übrigens auch im Internet) über die alten Götter Ägyptens forsche, desto mehr Parallelen erkenne ich zu dem, wonach wir alle suchen. Nämlich das, was der „Realität“ einen Sinn gibt. Und damit auch unsere Depressionen heilt.

* Angeblich mit „cloud“ bei Amazon, und es wird auch versichert, dass sie nur das hören, was nach dem Keyword gesprochen wird und nicht die gesamte Unterhaltung rund um die Uhr.

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